NeuerscheinungHungerZeitenNahrungsentzug als langsame Gewalt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
14. Juli 2026

Foto: Benjamin Rozenfeld, Sterbekasse, 1941, in: Jewish Historical Institute, ARG I 581/277_5.
Der Faktor Zeit. Eine neue Perspektive auf die historische Gewalt- und Hungerforschung.
Dass Menschen hungern, war und ist eine wiederkehrende Erscheinung. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch eskalierte ein Nahrungsentzug häufig zu dauerndem Hunger oder gar Aushungern als Element von Herrschaftsausübung wie von Kriegsführung. War Hunger zwar immer auch Folge der Gewalt, so wurde er nun zur Gewalt selbst. Welche Rolle spielte bei dieser Eskalation der Faktor Zeit? Die temporalen Signaturen von Hungergewalt wurden bislang erstaunlich wenig erforscht. Die Autorinnen und Autoren in diesem Buch nehmen sich dieses Desiderats an.
Dabei gehen sie von dem Befund aus, dass Hunger als »slow physical violence« verstanden werden kann. Denn Langsamkeit prägte Logiken wie Praktiken der Verursacher, aber auch die Erfahrungen der Hungernden. In neun Fallstudien analysieren sie unter anderem die alliierten Seeblockaden im Ersten Weltkrieg, die Mangelversorgung im Spanischen Bürgerkrieg, Erfahrungen und Politiken der Unterernährung in den Ghettos im besetzten Polen, während der deutschen Besatzung sowjetischer Städte ab 1941 sowie in deutschen Psychiatrien während des Nationalsozialismus. Um Menschen hungern zu lassen, braucht es die Interaktion vieler Faktoren. Die Zeit, so das Fazit der Forschungen, ist für das Verständnis dieser Gewaltform essenziell.
Hg. Birthe Kundrus und Tatjana Tönsmeyer